Vom Löwenkäfig in den Hexenkessel
Sorry, Les Folies du Parfum, aber ich wurde vom Löwenkäfig direkt in den Hexenkessel katapultiert. Im Opening erwartet mich eine eigenartige Mischung aus krautigen, animalischen und leicht alkoholischen Facetten. Der Rum ist durchaus wahrnehmbar, geht aber schnell in dieser ungewöhnlichen Komposition unter. Vor meinem inneren Auge erscheint eine schrullige, leicht beschwipste Kräuterhexe, die seit Jahrzehnten in einer staubigen Abstellkammer haust. Tageslicht hat dieser Raum schon lange nicht mehr gesehen. Dicke, getrocknete Kräuterbüschel hängen an den Wänden, und in den Regalen stehen Gläser voller merkwürdiger Kuriositäten, deren Inhalt ich lieber nicht hinterfragen möchte. Der Kessel beginnt zu brodeln und zu dampfen. Weihrauch übernimmt zunehmend das Kommando. Eine ledrige Note gesellt sich dazu, als würde die alte Hexe gerade ihre abgetragenen Lederstiefel putzen oder ihren Gürtel enger schnallen. Irgendwann kramt sie sogar Süßigkeiten hervor. Allerdings wirken diese noch ziemlich weit entfernt. Und ganz ehrlich: Bei dieser Dame würde ich an Halloween niemals klingeln. Erst nach einigen Stunden kehrt Ruhe ein. Die Hexe ist eingeschlafen und schnarcht friedlich vor sich hin. Das Animalische und der Weihrauch werden sanfter, die krautige Seite bleibt bestehen und eine angenehmere Süße tritt hervor. Nemea riecht von Anfang bis Ende ausgesprochen erwachsen. Nicht unbedingt elegant, sondern eigenwillig, herb und kompromisslos. Gefällt mir dieser Duft? Nein. Fasziniert er mich? Schon. Die Komposition wirkt auf mich hochwertig und besitzt eine bemerkenswerte Entwicklung. Nemea möchte offensichtlich nicht jedem gefallen, und genau diese Eigenständigkeit schätze ich an der Nischenparfümerie. Meine Nase ist während dieses Hauttests zwar hundert Tode gestorben, aber sie hat nicht aufgegeben. Denn auch Düfte, die ich niemals freiwillig tragen würde, können eine Geschichte erzählen, die ich nicht so schnell vergesse. Aber die Hexe darf gerne in ihrer Abstellkammer bleiben.













