


Die Welt steht still, die Filmindustrie ist eingefroren. Es ist Pandemie, und in Bukarest sitzt ein junger Filmstudent namens David-Lev Jipa-Slivinschi vor einem leeren Bildschirm. Die Drehbücher, die er schreiben wollte, wird niemand verfilmen. Also sucht er ein neues Medium für seine Geschichten.
Er findet es in der Parfümerie.
Zwei Jahre später lanciert er Toskovat mit einer Handvoll Düften, die alles anders machen. Keine hübschen Blumenbouquets, keine massentauglichen Frische-Kompositionen. Stattdessen: Düfte, die nach Benzin riechen, nach Blut, nach heiligem Wasser und schmutzigem Geld. Features in Vogue und dem Wall Street Journal folgen. Die Nischenduft-Szene horcht auf.
Was Toskovat von anderen jungen Marken unterscheidet: David-Lev ist Autodidakt. Er hat keine klassische Parfümeur-Ausbildung, und genau das sieht er als Stärke.
"Ich glaube, das ist tatsächlich einer unserer stärksten Punkte - wir haben keine Angst, die Regeln zu brechen."
- David-Lev Jipa-Slivinschi, Gründer und Parfümeur von Toskovat (übersetzt)
Der Markenname hat russische Wurzeln. David-Levs Familie stammt aus Russland und der Ukraine, und "toskovat" beschreibt eine tiefe, oft grundlose spirituelle Sehnsucht - das russische Konzept der Toska. Es ist ein Gefühl, das sich kaum übersetzen lässt: eine Mischung aus Melancholie, Fernweh und existenziellem Schmerz, der keinen konkreten Auslöser braucht.
Dieses Gefühl durchzieht jeden Toskovat-Duft. Es geht nie darum, einfach gut zu riechen. Es geht darum, etwas zu fühlen.
Toskovat nennt seine Düfte nicht Extrait de Parfum, sondern Extraits de Mémoire - Erinnerungsextrakte. Der Unterschied ist mehr als Marketing. David-Lev versteht Duft als Erzählmedium, als direkten Kanal zu Emotionen und Erinnerungen.
Sein Hintergrund als Drehbuchautor formt jeden Aspekt der Marke. Jeder Duft hat eine Geschichte, einen narrativen Bogen, Charaktere. "Age of Innocence" erzählt von Kindheit und ihrem Ende. "Inexcusable Evil" handelt vom Krieg. "Génération Godard" ist eine Hommage ans Kino.
"Für mich waren die besten Drehbücher immer die, die uns tief für ihre Figuren empfinden ließen. Genauso ist es mit Düften - ich bevorzuge es, Emotionen und Erinnerungen hervorzurufen statt Gefälligkeit."
- David-Lev Jipa-Slivinschi, in Dazed (übersetzt)
Das klingt nach Konzeptkunst, die auf der Haut nicht funktioniert? Luca Turin, einer der einflussreichsten Duftkritiker der Welt, hat es nach dem Testen von sechs Toskovat-Düften auf den Punkt gebracht: Die Düfte haben "schockierende Kopfnoten und gotische Zutatenlisten, gefolgt von braven Herz- und Basisnoten." Die Provokation liegt im Konzept - auf der Haut sind die meisten Toskovats überraschend tragbar.
David-Lev arbeitet anders als klassische Parfümeure. Er denkt nicht in Duftpyramiden oder Akkorden, sondern in Geschichten. Zuerst kommt die Emotion, dann die Frage: Welche Moleküle können dieses Gefühl transportieren?
Dabei scheut er keine ungewöhnlichen Materialien. Natürlicher Oud aus Thailand, synthetische Blut-Akkorde, Noten von Benzin und heißem Gummi. "Sehr wenige Leute wissen, dass selbst Noten wie Erdbeere oder Ananas Dinge sind, die man studieren und konstruieren muss," erklärt er. "Die können genauso schwierig sein wie Blut."
Die Konzentration liegt bei den meisten Düften bei mindestens 20% (Extrait de Parfum). Das sorgt für beeindruckende Haltbarkeit und Sillage. Einige Kreationen wie Annacamento und Pornstar (Noyau Doux) sind als Eau de Parfum formuliert und etwas leichter im Auftritt.
Die Kollektion umfasst mittlerweile über 20 Düfte, die von provokant bis poetisch reichen. Diese fünf zeigen die Bandbreite der Marke.
Toskovat polarisiert. Das ist gewollt. Wo andere Marken auf Massentauglichkeit setzen, sucht David-Lev die unbequeme Wahrheit. "Wir wollen nicht absichtlich kontrovers sein," sagt er. "Ich glaube, es ist ein unvermeidliches Ergebnis davon, sich selbst treu zu bleiben."
Die Marke hat in kürzester Zeit eine treue Fangemeinde aufgebaut. Auf Fragrantica und Basenotes wird leidenschaftlich über jeden einzelnen Duft diskutiert. Was den einen fasziniert, stößt den anderen ab. Genau so soll es sein.
Für die Parfümerie bedeutet Toskovat: Es gibt noch Raum für Überraschung. In einer Branche, die David-Lev so beschreibt: "Wenn sie eine Formel finden, die funktioniert, machen sie kleine Variationen desselben Rezepts, weil es sich bewährt hat" - ist ein 25-Jähriger aus Bukarest angetreten, um das Gegenteil zu beweisen.
Toskovat-Düfte lassen sich nicht am Bildschirm beurteilen. Die Zutatenlisten klingen oft abschreckend ("Blut", "Schießpulver", "schmutzige Dollars"), aber auf der Haut erzählen sie eine andere Geschichte. Hautchemie spielt bei diesen konzeptionellen Düften eine besonders große Rolle.
Deshalb ist das Probenbox-Konzept bei Toskovat ideal: Fünf verschiedene Düfte testen, die komplexe Entwicklung über Stunden beobachten, und dann entscheiden, welche Geschichte zu dir passt.