Natur vs. Synthetik: Was du wirklich über Parfum-Inhaltsstoffe wissen solltest
Natürlich ist besser als synthetisch? So einfach ist es nicht. Warum beide Welten für großartige Düfte unverzichtbar sind - und was das für deine Parfumwahl bedeutet.

Die Angst vor der "Chemie"
Wer sich in die Welt der Nischendüfte vertieft, stößt schnell auf eine hitzige Diskussion: Sind natürliche Inhaltsstoffe den synthetischen überlegen? Viele suchen gezielt nach "reinen" oder "clean" Parfums, weil sie befürchten, dass "Chemie" im Flakon minderwertig oder ungesund ist.
Die Realität ist differenzierter. Und interessanter.
I generally eschew the term 'all natural' because it's at best meaningless and often deliberately misleading. Like, essentially, everything comes from nature, including the processing involved to create synthetics. So I was in the store with my dad and something was labeled 'all natural' and Dad said 'Look, hon! It doesn't contain anything from outside the known universe.'
Was natürliche Rohstoffe ausmacht
Natürliche Duftstoffe werden aus Pflanzen, Blüten, Harzen, Hölzern oder tierischen Quellen gewonnen - durch Destillation, Extraktion oder Enfleurage. Ihr großer Vorteil: Sie bestehen aus Hunderten unterschiedlicher Moleküle und sind dadurch komplex und lebendig.
Ein natürliches Rosenöl enthält über 300 verschiedene Moleküle. Es entwickelt sich auf der Haut, verändert seinen Charakter über Stunden. Diese Nicht-Linearität ist das, was Liebhaber natürlicher Parfümerie so schätzen.
Hiram Green - Meister der 100% natürlichen Parfümerie
Hiram Green ist einer der weltweit angesehensten Parfümeure, der ausschließlich mit natürlichen Rohstoffen arbeitet - keine Synthetik, keine Kompromisse. Sein Slowdive kombiniert echte Bienenwachs-Absolue, natürlichen Honig, Tabakblüte und Neroli zu einem Duft, der beweist: Rein natürliche Parfums können Tiefe und Haltbarkeit liefern.
Hiram Greens Arbeit zeigt, was möglich ist, wenn ein Parfümeur natürliche Materialien wirklich beherrscht. Aber selbst er würde nicht behaupten, dass natürlich grundsätzlich besser ist - es ist ein bewusst gewählter Ansatz mit eigenen Stärken und Grenzen.
Die Grenzen natürlicher Rohstoffe
Natürliche Materialien sind teuer, in ihrer Qualität schwankend (je nach Ernte, Klima, Boden) und oft weniger haltbar auf der Haut. Manche der beliebtesten Duftnoten lassen sich gar nicht natürlich gewinnen:
Es ist zu unterscheiden zwischen den Paaren synthetisch/natürlich und abstrakt/naturalistisch. Das geht auch nicht wirklich in die gleiche Richtung, denn eine naturalistisch riechende Rose ist ohne Synthetik kaum hinzubekommen (weil selbst die schonendsten Extraktion nicht den kompletten Dufteindruck einer blühenden Rose einfangen kann), von Maiglöckchen ganz zu schweigen.
Maiglöckchen (Muguet) lässt sich nicht destillieren - jeder Maiglöckchen-Duft, den du je gerochen hast, basiert auf synthetischen Molekülen wie Hydroxycitronellal oder Lilial.
Was synthetische Moleküle ausmacht
Synthetische Duftstoffe werden im Labor entwickelt. 1882 setzte Paul Parquet erstmals Coumarin in Fougère Royale ein - das erste synthetische Molekül in einem Parfum. Heute steckt Coumarin in rund 90% aller Düfte.
Seitdem hat die synthetische Chemie die Parfümerie revolutioniert. Einige der wichtigsten Meilensteine:
- Coumarin (1882) - Eröffnete die gesamte Fougère-Familie
- Aldehyden (1921) - Machten Chanel N°5 möglich
- Hedione (1966) - Das Jasmin-Molekül in Dior Eau Sauvage, das laut einer Studie in NeuroImage den menschlichen Pheromon-Rezeptor aktiviert
- Iso E Super (1973) - Von Dior Fahrenheit bis Escentric Molecules 01
- Ambroxan - Ersetzt Walrat ohne dass ein Wal dafür leiden muss
Synthetics ≠ billig
Ein verbreitetes Missverständnis: Synthetisch bedeute "günstige Massenware". Das Gegenteil kann der Fall sein. Die Entwicklung eines neuen Moleküls kostet Millionen und Jahre Forschung. Und nicht jedes synthetische Molekül ist gleich:
Chemistry student here. Well, my organic chemistry professor is really interested in aromatic molecules. Every chance he's got he's showing us how to make the molecules that give apples, almonds and peaches scents. Long story short, he said that most of the times they create the same molecules that present in fruits/woods in order to give the same aura of scent to fragrances. If something smell's synthetic, it's not because of the molecule, it's because some molecules are really expensive to make, so companies and perfume manufacturers cut the process short so you don't have the same molecule, but something close to it.
Wenn ein Parfum "synthetisch" riecht, liegt das nicht am Molekül selbst - sondern daran, dass der Hersteller beim Herstellungsprozess gespart hat. Hochwertige Synthetik ist von natürlichen Rohstoffen oft nicht zu unterscheiden.
Ex Nihilo - "Techno Crafting" als Philosophie
Das Pariser Haus Ex Nihilo hat die Verbindung von Natur und Hightech-Molekülen zur Markenphilosophie erhoben. Ihr Ansatz heißt "Techno Crafting" - klassische französische Parfumkunst trifft modernste Molekülforschung.
In Blue Talisman stecken gleich drei exklusive Givaudan-Moleküle: Akigalawood (ein nachhaltig gewonnenes Patchouli-Derivat), Georgywood (ein transparentes Holzmolekül) und Ambrofix (synthetische Ambra). Diese sogenannten "Captives" - exklusive, patentierte Duftstoffe - werden mit natürlicher Bergamotte und Orangenblüte kombiniert. Das Ergebnis ist weder "natürlich" noch "synthetisch", sondern einfach: großartig.
Maison Crivelli - Wenn Moleküle neue Welten öffnen
Maison Crivelli steht für überraschende Kontraste. Papyrus Moléculaire trägt das Programm im Namen: Ein Duft, der sich um ein synthetisch rekonstruiertes Papyrus-Akkord dreht - eine Duftnote, die es als natürlichen Extrakt so nicht gibt.
Noch deutlicher wird es bei Lys Solaberg: Die dominante Note ist Ambroxan, eines der berühmtesten synthetischen Moleküle der modernen Parfümerie. Kombiniert mit natürlichem Eichenmoos-Absolue und Tabak-Absolue entsteht ein Duft, der weder rein natürlich noch rein synthetisch denkbar wäre.
Drei Mythen, die nicht stimmen
Mythos 1: "Natürlich ist sicherer"
Das klingt intuitiv, stimmt aber nicht. Fast 80 ätherische Öle können allergische Kontaktdermatitis auslösen, darunter so verbreitete wie Teebaum, Ylang-Ylang und Sandelholz.
Laut der EU-Kommission werden natürliche Terpene wie Limonen und Linalool - die in fast jedem ätherischen Öl vorkommen - durch Oxidation an der Luft zu potenten Allergenen.
Und die EU hat 2023 die Liste der deklarationspflichtigen Allergene von 26 auf 82 Substanzen erweitert - 28 davon sind Naturextrakte. Die IFRA-Standards regulieren natürliche und synthetische Rohstoffe gleichermaßen.
Ein besonders prominentes Beispiel: Eichenmoos, einer der klassischsten natürlichen Parfum-Inhaltsstoffe und Basis jedes Chypre-Dufts, wurde wegen seiner allergenen Eigenschaften streng reguliert. Seit 2019 darf in der EU nur noch "gereinigtes" Eichenmoos mit weniger als 100 ppm der Allergene Atranol und Chloroatranol verwendet werden.
Mythos 2: "Synthetik riecht künstlich"
Honestly, I see so many reviews on Fragrantica praising Nasomatto's 'real Oud' when they're kinda famous for being excellently blended synthetics. I realize even the most self-professed experts have no clue what 'natural' smells like.
Selbst erfahrene Duftkenner können hochwertige Synthetik oft nicht von natürlichen Rohstoffen unterscheiden. Was wir als "synthetisch" wahrnehmen, ist meistens schlechte Dosierung oder billige Formulierung - nicht das Molekül selbst.
Mythos 3: "Natürlich ist nachhaltiger"
Bei manchen Rohstoffen ist das Gegenteil der Fall. 175 Jahre kommerzieller Ernte haben den wilden Sandelholz-Bestand um bis zu 90% dezimiert. Brasilianisches Rosenholz steht seit 2010 unter CITES-Schutz, da jeder Baum nur 1% Öl liefert.
Frankly, I would rather have synthetic if it means that there is less over-harvesting of endangered ingredients. Look at what's happening with the Asian sandalwood trees. They're dwindling at an alarming rate because of over-harvesting. I don't want the eco system endangered just to make me smell pretty. Also, I like the smell of some synthetics. I like ambroxan and ethyl maltol. Plus, they make perfumes last longer.
Synthetische Alternativen wie Ambroxan - ursprünglich aus Walrat gewonnen, heute pflanzlich aus Muskatellersalbei synthetisiert - können Tiere und bedrohte Pflanzen schützen. Allerdings haben auch synthetische Stoffe ihre Schattenseiten: Ältere Moschusverbindungen wie Galaxolide wurden in 92% der Wasserproben der Großen Seen nachgewiesen. Neuere Generationen sind biologisch abbaubar - Fortschritt passiert auf beiden Seiten.
Das Beste aus beiden Welten
Die Wahrheit ist: Die moderne Parfümerie basiert seit über 100 Jahren auf der Kombination beider Welten. Und das ist keine Schwäche - es ist eine Stärke.
Ich bin weder auf dem Naturduft- noch auf dem Synthetiktrip... Für den WOHLGERUCH eines Parfums ist Synthetik m.E. unerlässlich, genau wie natürliche Duftstoffe. Ein gutes Parfum besteht in der Regel aus natürlichen und synthetischen Duftstoffen. So ist das schon seit über 100 Jahren. Ein Chanel No.5, Jicky etc. waren auch noch nie ohne jegliche Synthetik.
Ein Parfümeur, der selbst in der Community aktiv ist, hat den Unterschied so beschrieben:
Natural oils (essential oils/absolute oils/SCO2 extracts/etc) are typically made up of dozens or hundreds of different materials. They're like miniature perfumes in and of themselves with top notes, heart notes and base notes. They're complex and beautiful, but they can only be manipulated in a limited way. They're like photographs. [...] Sometimes, they're direct attempts to reproduce (or improve upon) a natural smell, for reasons of cost, safety or performance. Sometimes, they're just a novel smell, like Givaudan's aquatic smelling Ultrazur base. These are like computer generated images.
- u/acleverpseudonym auf Reddit (unabhängiger Parfümeur)
Natürliche Rohstoffe sind wie Fotografien - komplex und authentisch, aber begrenzt manipulierbar. Synthetische Moleküle sind wie CGI - präzise steuerbar und fähig, völlig neue Welten zu erschaffen. Die besten Filme nutzen beides.
Nishane Hacivat - Kult durch Kombination
Nishane Hacivat ist ein gutes Beispiel dafür, wie Natur und Synthetik zusammen etwas schaffen, das keine der beiden Seiten allein könnte. Die Basis bildet klassisches Eichenmoos und natürliches Patchouli - dazu kommt Clearwood (Akigalawood), ein nachhaltiges synthetisches Molekül, das dem Duft seine legendäre Projektion verleiht. Ein Chypre-Duft, der ohne die natürlichen Elemente keine Seele hätte - und ohne die synthetischen keine Reichweite.
Initio Side Effect - Hedione als geheime Zutat
Initio Side Effect kombiniert natürlichen Rum, echten Safran und Tabak mit Hedione - einem synthetischen Jasmin-Molekül, das laut Forschern der Ruhr-Universität Bochum die erste Substanz ist, für die eine pheromonähnliche Wirkung auf das menschliche Gehirn nachgewiesen wurde. Die natürlichen Materialien liefern Charakter und Wärme, das synthetische Molekül sorgt für die "magnetische" Wirkung, die Initio zu einem der spannendsten Houses der Nischenparfümerie macht.
Wie du den Unterschied selbst erlebst
Die Theorie ist hilfreich, aber am Ende zählt nur eins: Wie ein Duft auf deiner Haut riecht und wie er sich über Stunden entwickelt. Ein paar Vorschläge:
- Teste bewusst natürlich vs. synthetisch. Vergleiche einen rein natürlichen Duft wie Hiram Green Slowdive mit einem modernen Molekül-Duft wie Ex Nihilo Blue Talisman. Achte auf die Entwicklung über den Tag.
- Gib jedem Duft Zeit. Natürliche Düfte brauchen oft länger, um sich zu entfalten. Synthetische sind schneller "da", entwickeln sich aber weniger.
- Vertrau deiner Nase, nicht dem Etikett. Was zählt, ist nicht ob "natürlich" oder "synthetisch" draufsteht, sondern wie der Duft dich fühlen lässt.
Du weißt nicht, wo du anfangen sollst? Der KI-Duftberater kann dir helfen, Düfte nach deinen Vorlieben zu finden - egal ob du eher natürliche Komplexität oder moderne Moleküle suchst. Und mit einer Probenbox kannst du verschiedene Ansätze direkt auf der Haut vergleichen.
Die wichtigsten Punkte
- "Natürlich" ist kein Qualitätsmerkmal - und "synthetisch" kein Makel
- Natürliche Rohstoffe liefern Komplexität, Tiefe und eine lebendige Duftentwicklung auf der Haut
- Synthetische Moleküle ermöglichen Haltbarkeit, Konsistenz und Duftnoten, die in der Natur nicht existieren
- Allergene stecken in beiden - die IFRA reguliert natürliche und synthetische Stoffe gleichermaßen
- Nachhaltigkeit ist kein klarer Gewinner - Sandelholz ist bedroht, aber auch synthetische Moschusverbindungen belasten Gewässer
- Die besten Düfte kombinieren beides - und das seit über 140 Jahren
Lass dich nicht von Labels leiten. Riech selbst, teste auf der Haut, gib dir Zeit. Ob die Moleküle aus einer Blüte oder einem Labor kommen, ist am Ende weniger wichtig als die Frage: Wie fühlt sich dieser Duft auf meiner Haut an?
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